Schwäbische Tüftler entwickeln revolutionären Offroad-E-Rollstuhl und bauen ihn jetzt in Serie

Bobingen (jm). Schluss mit Einschränkungen für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit begrenzter Mobilität. Auch sie können jetzt elegant und sicher Natur pur erleben und dabei Wanderwege auskosten, Berggipfel erklimmen, durch Wasserläufe waten oder Treppen rauf und runterfahren – bis zu einer Steigung von 100 Prozent. Möglich macht es der „Escalador“ – das neue Technikwunder aus Bayerisch-Schwaben. Das von Martin Jochum aus Fischach (Landkreis Augsburg) und den Motorsportspezialisten der Holzer-Firmengruppe (Bobingen) entwickelte Offroad-Fahrzeug ist ein geländegängiger Elektrorollstuhl mit 4×4-Allradantrieb und Leichtbaukomponenten aus dem Automobilrennsport. Cool: Der neue Freiheits-Rolli hat eine Straßenzulassung und kann mit dem Führerschein der Klasse AM, unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne Führerschein, im öffentlichen Straßenverkehr sowie auf Rad- und Fußwegen gefahren werden. Nach über fünfjähriger Entwicklungszeit wird die Kraftmaschine jetzt von der aus dem Renn- und Sportwagenbau bekannten Holzer-Firmengruppe in Serie produziert. Alle Infos unter escalador.com.

Der Prototyp für den Escalador (auf Deutsch: der Kletterer) ist aus eigener Initiative entstanden. Seit über zehn Jahren ist Martin Jochum aus Fischach querschnittsgelähmt, nachdem er bei einem Autounfall schwer verletzt wurde. Auf der Suche nach einem outdoor-fähigen Rollstuhl wurde der leidenschaftliche Mountainbiker und Trial-Motorradfahrer einfach nicht fündig. „Ich habe monatelang recherchiert und mir sämtliche Lösungen angeschaut. Da war aber nichts dabei, was auch nur annähernd meinen Vorstellungen entsprach“, erklärt der heute 38-jährige. Irgendwann fassten er und sein Vater, der Unternehmer Manfred Jochum, den Entschluss: „Jetzt bauen wir selbst genau das, was wir brauchen.“

Immer weiter: Der elektrische Geländerollstuhl Escalador fährt mit einer Akkuladung über 100 km weit. Foto: Performance GmbH

Immer weiter: Der elektrische Geländerollstuhl Escalador fährt mit einer Akkuladung über 100 km weit. Foto: Performance GmbH

Ein Freiheitsmobil

Heraus kam schließlich der Escalador. Dieser ist viel mehr als nur ein Krankenfahrstuhl: Er ist der Rolli in die Freiheit, der überall durch- und hinkommt: durch Sand, durch Schnee, durch Kies, durch schmale Tore und niedrige Bäche.  Selbst in steilem Gelände und bis zu einer Schräglage von 50 Grad geht es immer weiter. Mit über 100 Kilometern Reichweite ist der Escalador außerdem der elektrische Rollstuhl am Markt, der mit einer Akkuladung die längsten Strecken zurücklegen kann.

Dank des 4x4-Allrad-Antriebs fährt der Escalador auch im Sand immer weiter. Foto: Performance GmbH

Dank des 4×4-Allrad-Antriebs fährt der Escalador auch im Sand immer weiter. Foto: Performance GmbH

4×4 Allradantrieb

Dank seiner kompakten Bauweise, seines geringen Gewichts von gerade einmal 89 kg und seiner enormen Kraft bewältigt er steile Hänge, Stufen und Steigungen von über 100 Prozent. Für den gleichmäßigen Antrieb der vier starken, unabhängigen Radnabenmotoren (452 Nm) sorgen eine Software, die Martin Jochum über zwei Jahre lang selbst entwickelt hat, sowie ein auf maximale Traktion ausgelegtes Fahrwerk mit einem Federweg von 200 mm. Der tiefe Schwerpunkt von gerade mal 35 cm über dem Boden und die sogenannte Torque-Vectoring-Lenkung (intelligente Verteilung der Antriebskraft auf die Räder) vermitteln vor allem eines: Kontrolle und Sicherheit.

Ganz schön sportlich. Der Escalador ist mehr Kraftmaschine als Krankenfahrstuhl. Foto: Performance GmbH

Ganz schön sportlich. Der Escalador ist mehr Kraftmaschine als Krankenfahrstuhl. Foto: Performance GmbH

High-End-Komponenten aus dem Automobilrennsport

Das Besondere: Im Escalador steckt viel Ingenieurs-Know-how aus dem Motorsport. Das gilt unter anderem für die Fahrwerkskinematik, die auf die hohen Anforderungen des Motorsports zugeschnitten ist. Der Leichtbau mit Gitterrohrrahmen und Vollfrästeile aus Aluminium und Titan unterstreichen den Performance-Anspruch des Escaladors genauso wie der Sportsitz mit Dreipunkt-Gurt.

Motorsport-Pionier Günther Holzer brachte bei der Entwicklung des Escalador viel Know-how aus dem Automobilrennsport ein und übernimmt mit der Holzer-Firmengruppe die Serienfertigung. Foto: Performance GmbH

Motorsport-Pionier Günther Holzer brachte bei der Entwicklung des Escalador viel Know-how aus dem Automobilrennsport ein und übernimmt mit der Holzer-Firmengruppe die Serienfertigung. Foto: Performance GmbH

30 Jahre Erfahrung im Fahrzeugbau

Verantwortlich für die High-End-Motorsportausstattung sind ein Freund der Familie Jochum, der frühere Rallyefahrer Günther Holzer und die von ihm gegründete Holzer-Firmengruppe. Die Spezialisten aus Bobingen entwickeln seit über 30 Jahren Rennfahrzeuge sowie Sportwagen für namhafte Automobilhersteller und fertigen diese auch in Kleinserien. Nun auch den Escalador, der ab sofort über eine Tochterfirma der Holzer Gruppe, die Performance GmbH, vertrieben wird.

Ein Fahrzeug, das die Welt verändert

„Unsere Familien kennen sich schon lange, und natürlich habe ich auch Martins Schicksal verfolgt. Als klar war, dass Martin und Manfred ein eigenes Fahrzeug bauen wollten, habe ich sofort unsere Unterstützung angeboten. Wir haben den Escalador dann genauso wie eines unserer Rallyefahrzeuge neu berechnet und weiterentwickelt. Dass daraus einmal ein Serienfahrzeug entstehen wird, das für viele Menschen die Welt verändern wird, daran haben wir damals nicht gedacht“, sagt Günther Holzer, dem die Rennsport-DNA im Blut liegt. Holzer fuhr mit seinem Bruder Ronald in den im eigenen Rennstall gebauten Fahrzeugen – unter anderem für Opel und Lancia – um die Deutsche Rallye-Meisterschaft. Später fuhren auch Motorsportlegenden wie Joachim Winkelhock, Uwe Alzen und Timo Scheider mit Holzer-Opel in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM).

Fünf Jahre lang arbeitete Martin Jochum an der Entwicklung des Escalador. Foto: Performance GmbH

Fünf Jahre lang arbeitete Martin Jochum an der Entwicklung des Escalador. Foto: Performance GmbH

Unter extremen Bedingungen erprobt

Insgesamt fünf Jahre dauerte die Entwicklung des Escalador, was auch daran lag, dass es in Martin Jochums Augen immer wieder etwas zu verbessern gab. „Wir haben den Escalador auf mehreren tausend Kilometern in richtig schwierigem Gelände und unter extremen Bedingungen getestet. Auf dem Berg, im Wald, auf Trails und am Strand. Nun ist er so ausgereift, dass wirklich jeder mit ihm Spaß haben kann.“

Vielseitig nutzbar

Der Escalador kann mit unterschiedlichen Zulassungen ausgeliefert werden. So gibt es für jeden die passende Lösung; unter bestimmten Voraussetzungen ist sogar die Nutzung ab einem Mindestalter von 12 Jahren und ohne Führerschein möglich. Mit der Betriebserlaubnis als Krankenfahrstuhl können öffentliche Straßen, Rad- und Fußwege sowie Wald- und Feldwege befahren werden.  Wie kein anderes Fahrzeug dieser Klasse ist der Escalador für unbefestigte Wege und schwieriges Gelände ausgelegt: „Es ist verrückt, wo man mit diesem Rollstuhl überall hinkommt“, sagt Martin Jochum. Als Kind war der Fachwirt aus Fischach oft zu Fuß oder mit dem Mountainbike unterwegs. Bereits im Alter von 4 Jahren trainierte er regelmäßig mit dem Trial-Motorrad und war bei Tial-Wettbewerben am Start. Dort kommt es auf Balance und Geschicklichkeit an. Jochums ganzes Gespür für Strecken und Hindernisse steckt in der Entwicklung des Escalador.

Martin Jochum testet die Grenzen des Escalador aus. Foto: Performance GmbH

Martin Jochum testet die Grenzen des Escalador aus. Foto: Performance GmbH

Ein unbeschreiblicher Moment

Der lange Atem und die Geduld haben sich ausgezahlt. „Die erste Testfahrt war für mich ein unbeschreibliches Erlebnis. Ich bin überall links und rechts reingefahren und wollte gar nicht mehr umkehren. Mit dem Escalador kann ich jetzt wieder gemeinsam mit meiner Frau und meinen Kindern raus in die Natur. Damit hat sich ein Lebenstraum für mich erfüllt“, erklärt Jochum. Schnell war ihm klar: „Auch andere sollen dieses Gefühl von Freiheit und Lebensfreude wieder spüren können.“

Das Draußensein genießen

Der Entschluss, aus dem Escalador ein Serienfahrzeug zu machen, ist nicht nur dem eigenen Wow-Moment, sondern auch dem positiven Feedback und der hohen Nachfrage geschuldet. Nicht nur Querschnittsgelähmte sind von der Entwicklung der schwäbischen Tüftler begeistert. „Wir waren völlig überrascht, dass sich so viele unterschiedliche Personen für das Fahrzeug interessieren“, gesteht Martin Jochum. „Bei uns melden sich viele Menschen, die einfach nicht mehr gut zu Fuß sind, die Natur lieben und das Draußensein weiterhin genießen wollen.“

Mobilität im Alter

Für Seniorinnen und Senioren ist der Escalador ebenso ein Mobilitätsversprechen wie für Menschen, die aufgrund einer Krankheit in ihrer Bewegung oder ihrer körperlichen Fitness eingeschränkt sind. „Wir geben diesen Menschen wieder eine Perspektive“, sagt Martin Jochum, der sich darüber freut, dass gleich mehrere Kunden im hohen Alter zu Escalador-Fahrern wurden: „Einige haben einen Hund als treuen Lebensgefährten und können jetzt wieder gemeinsam mit ihrem Liebsten unterwegs sein. Die blühen richtig auf.“

Ein Meilenstein für Rollstuhlfahrer

Die Neuentwicklung beschert insbesondere Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern eine ganz neue Form der Mobilität. In Deutschland leben rund 140.000 Menschen, die ihre Beine nicht mehr spüren. Jährlich kommen 2.300 bis 2.500 dazu. „Wer die Funktion der Arme noch hat, kann den Escalador bewegen“, sagt Martin Jochum, der in der Entwicklung schon weiterdenkt – zum Beispiel an eine Joystick-Steuerung.

Martin Jochum zeigt’s: Mit dem Escalador sind Treppen keine Endstation mehr für Menschen mit Behinderung. Foto: Performance GmbH

Martin Jochum zeigt’s: Mit dem Escalador sind Treppen keine Endstation mehr für Menschen mit Behinderung. Foto: Performance GmbH

Der Escalador verbindet

Den Escalador im Gelände zu fahren, macht einfach nur Spaß und Freude. Das brachte Günther Holzer auf eine Idee: Noch im Jahr 2026 sollen auf den Strecken von Radsport- oder Motocross-Events die ersten Geschicklichkeitsfahrten mit dem Escalador stattfinden. „In diesem Rahmen können erstmals Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit und ohne Einschränkungen gegeneinander antreten und sich unter gleichen Voraussetzungen messen. Auch das ist revolutionär“, sagt Günther Holzer, der gemeinsam mit dem ADAC bereits für eine erste bayerische Meisterschaft im Jahr 2027 nachdenkt. Für ihn ist diese Art des Wettbewerbs Integration pur: „Über den Sport finden Menschen zusammen, die ein gemeinsames Interesse haben. Ganz unabhängig von ihrer Mobilität im Alltag.“

Das Draußensein genießen

Die meisten Kundinnen und Kunden, die den Escalador im Naturpark Westliche Wälder bei Augsburg testen, sind weit davon entfernt, das Fahrzeug an seine Grenzen zu bringen: „Sie möchten einfach entspannt ihren Naturspaziergang genießen, auch wenn Wege und Gelände mal etwas anspruchsvoller sind. Genau dafür haben wir den Escalador entwickelt“, sagt Martin Jochum. Dass er jetzt auch fürs Extreme taugt, bringt allen Nutzern denselben Effekt: volle Kontrolle auf jedem Untergrund und in jeder Lebenslage – für ausgedehnte Ausflüge in der Natur.

Großes Potenzial

Martin Jochum und Günther Holzer sehen mittlerweile ein großes Marktpotenzial für ihre Entwicklung. Bisher haben sie den Escalador nur bei einigen Veranstaltungen vorgestellt – und trotzdem bereits viele Fahrzeuge an Kunden aus den unterschiedlichsten Altersgruppen verkauft. Das Interesse und die Begeisterung sind riesig. „Den Testern geht’s wie mir. Wer einmal mit dem Escalador gefahren ist, der mag gar nicht mehr aussteigen“, freut sich Martin Jochum.

Die Anwender sind dank des kraftvollen Lichtkonzepts des Escalador immer sicher unterwegs. Foto: Performance GmbH

Die Anwender sind dank des kraftvollen Lichtkonzepts des Escalador immer sicher unterwegs. Foto: Performance GmbH

In fünf Farben erhältlich

Zum Start der Serienproduktion ist der Escalador in fünf Rahmenfarben erhältlich. Zur Vollausstattung zählen neben den technischen Highlights unter anderem ein Komfortsitz mit angenehmem Veloursbezug sowie herausnehmbare Sitzkissen, die durch eigene Anti-Dekubitus-Kissen ersetzt werden können. Der Sitz lässt sich beim Escalador über 170 mm in Längsrichtung verstellen und auch in der Höhe anpassen. Ladebuchsen fürs Handy und fürs Navi gibt es ebenso wie praktische Packtaschen, die dem Anwender stets direkten Zugriff ermöglichen. Zusätzliche Packtaschen sowie Hundekörbchen lassen sich mühelos anbringen.

Brachten den Escalador gemeinsam zur Serienreife: Martin Jochum (links) und Günther Holzer. Foto: Performance GmbH

Brachten den Escalador gemeinsam zur Serienreife: Martin Jochum (links) und Günther Holzer. Foto: Performance GmbH

Per Mausklick zur Testfahrt

Den Vertrieb des Fahrzeugs übernimmt die Performance GmbH, die Teil der Holzer-Firmengruppe ist. Hier gibt es auch Antworten auf alle Fragen und die Anmeldung zur Testfahrt ist mit wenigen Klicks möglich. www.escalador.com.

Autoren: Stefanie Böck und Ingo Jensen

Weitere Informationen:
Performance GmbH
Gutenbergstraße 21
86399 Bobingen
E-Mail: info@escalador.com
www.escalador.com